Wie können wir angesichts der angeschlagenen Ernährungssysteme bis 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren?
Vom täglichen Brot bis zu den Schlagzeilen – Essen ist ein heiß diskutiertes Thema. Während der Pandemie sorgten Nudelknappheit für Panik unter den Verbrauchern, und die hohe Inflation hat die Kosten für den Wocheneinkauf drastisch erhöht.
Doch was geschieht hinter den Kulissen, was den Verbrauchern normalerweise verborgen bleibt? Nach Jahren des Betriebs mit veralteter Technologie und Produktionsmethoden hat das globale Agrar- und Ernährungssystem – das die Lebensmittel produziert, die auf den Tellern der Welt landen – einen kritischen Punkt erreicht.
Die heutigen Agrar- und Ernährungssysteme sind für 30 % der globalen Treibhausgasemissionen und 70 % des Süßwasserverbrauchs verantwortlich, dennoch wird ein Drittel aller produzierten Lebensmittel verschwendet. Die gegenwärtigen Produktionsmethoden tragen außerdem zu 80 % der Entwaldung bei, sind die Hauptursache für den Verlust der Artenvielfalt und haben die Bodenqualität massiv geschädigt. In Europa sind 60–70 % aller landwirtschaftlichen Böden als direkte Folge nicht nachhaltiger Bewirtschaftungsmethoden degradiert (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, 2022).
Da die Weltbevölkerung bis 2050 voraussichtlich auf 10 Milliarden anwachsen und die Nachfrage nach Nahrungsmitteln in diesem Zeitraum um 60 % steigen wird, dürften die Belastungen unserer Ernährungssysteme enorm zunehmen.
Gibt es Hoffnung? Ja, aber unsere Landwirtschaft und Aquakultur bedürfen dringend einer tiefgreifenden Transformation, um ihre schädlichen Umweltauswirkungen zu reduzieren, einer wachsenden Bevölkerung eine nachhaltige Ernährung zu ermöglichen und sich an die zunehmenden Herausforderungen des Klimawandels anzupassen. Diese notwendige Transformation schafft beispiellose Investitionsmöglichkeiten entlang der gesamten globalen Lebensmittelwertschöpfungskette.
Treiber des Wandels: Regenerative Praktiken, Technologie und Verbrauchernachfrage
Kern der Lösung sind regenerative Landwirtschaftsmethoden. Dabei handelt es sich um Systeme der Nahrungsmittelproduktion, die Schäden nicht nur begrenzen, sondern aktiv die Natur wiederherstellen und Umweltschäden in jeder Phase des Prozesses rückgängig machen. Noch wichtiger ist, dass regenerative Praktiken eine Möglichkeit bieten, die Nahrungsmittelproduktion zu steigern und gleichzeitig Klimaziele durch Kohlenstoffbindung zu erreichen sowie die im Globalen Rahmenwerk für Biodiversität (GBR), das letztes Jahr auf der COP15 verabschiedet wurde, festgelegten Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt zu erfüllen.
Technologie spielt eine entscheidende Rolle bei der Beschleunigung des Übergangs zu mehr Nachhaltigkeit. Satelliten, Drohnen, Roboter und maschinelles Lernen finden zunehmend Anwendung in der Landwirtschaft, um Landwirten zu helfen, ihre Böden besser zu verstehen, deren Qualität zu verbessern und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu optimieren. Traditionelle Anbaumethoden, wie die Rinderzucht, können durch ressourcenschonendere Ansätze ersetzt werden, beispielsweise durch die Zucht proteinreicher und kohlenstoffarmer Insekten. Auf der Verbraucherseite können Blockchain und das Internet der Dinge effizientere Lieferketten unterstützen und Lebensmittelverschwendung reduzieren.
Ein Füllhorn an Möglichkeiten
Der Markt für technologische Innovationen im Agrar- und Lebensmittelsektor hat sich seit 2012 versechsfacht und wird Prognosen zufolge bis 2030 ein Volumen von 700 Milliarden US-Dollar erreichen (UBS, 2021). Drei Sektoren treiben den Wandel hin zu Resilienz und Nachhaltigkeit voran.
1. Präzisionslandwirtschaft – der Übergang zu „Landwirtschaft 4.0“. Einsatz von Technologien wie Drohnen und KI zur Verbesserung der Ressourceneffizienz, des Pestizideinsatzes, der Kohlenstoffbindung und der Produktivität in der Lebensmittelproduktion.
2. Alternative Ernährung – Schaffung neuer Nahrungsquellen, die genauso attraktiv sind wie die heute üblichen tierischen Proteine.
3. Lebensmittelverschwendung – mit dem Ziel, die betriebliche Effizienz von der Beschaffung über die Lagerung bis hin zum Vertrieb zu steigern und traditionell verschwendete Lebensmittelbestandteile zu begehrten Produkten wiederzuverwerten.

Quelle: AgFunder Global AgriFoodTech Investment Report, 2023
Das Good Food Finance Network schätzt den Investitionsbedarf für die Transformation unserer Ernährungssysteme auf jährlich 300 bis 350 Milliarden US-Dollar von heute bis 2030. Diese Summe ist enorm, erscheint aber im Vergleich zu den für die Covid-19-Konjunkturhilfen zugesagten Mitteln relativ gering. Noch wichtiger ist jedoch, dass sie angesichts der enormen Geschäftsmöglichkeiten, die wir durch nachhaltige, gesunde und gerechte Lebensmittelinvestitionen erwarten, und des gesellschaftlichen Mehrwerts, den diese Investitionen freisetzen können, verschwindend gering ist.
Gastbeitrag von Fabio Sofia, Co-Manager der Strategie „Regeneratives Wachstum I“ von Z Impact Ventures in Partnerschaft mit Mirabaud Asset Management. Diese Strategie investiert in Unternehmen, die Lösungen für unsere maroden Ernährungssysteme entwickeln.