Nach der aufwendigen Arbeit, wirtschaftspolitische Szenarien unter Berücksichtigung des Klimawandels zu entwickeln, stehen Finanzinstitute vor der Herausforderung, diese in prognostizierte finanzielle Auswirkungen auf ihr eigenes Portfolio umzurechnen.

Für Kreditgeber gilt das Kreditrisiko im Allgemeinen als der wichtigste Übertragungskanal. Um dies zu modellieren, muss die Auswirkung auf Kreditnehmer und damit auf Zahlungsausfälle bewertet werden. Wir betrachten nun die zwei wichtigsten Fälle für Privatkundenbanken.

 

Unternehmenskredite

Bestimmte Unternehmen sind besonders stark von Übergangsrisiken betroffen, darunter Firmen aus den Bereichen Energie, Transport, Rohstoffgewinnung und Fertigung. Stresstests für Unternehmenskredite basieren typischerweise auf der Hochrechnung von abschlussbezogenen Daten der jeweiligen Gegenparteien und der Ableitung daraus simulierter Ausfallwahrscheinlichkeiten.

Hauptherausforderung: Zeithorizonte

Der Zeithorizont kann sich über mehr als 30 Jahre erstrecken und stellt die Modellierung der Entwicklung der Unternehmensfinanzen vor Herausforderungen. Komplexe Verhaltensweisen zeigen sich bei Gewinn- und Verlustrechnungskomponenten wie Dividendenausschüttungen sowie der Aufnahme und Rückzahlung von Schulden. Daher ist eine sorgfältige Kalibrierung erforderlich, um ein plausibles Unternehmensverhalten unter Stressbedingungen zu modellieren.

Hauptherausforderung: Doppeltes Zählen

Anbieter von Klimawandelszenarien erfassen physische Risiken in ihren makroökonomischen Szenarien. Es ist jedoch nicht immer klar, ob sich diese Bewertung physischer Risiken auf systemische Auswirkungen beschränkt oder auch mikroökonomische Kanäle wie beispielsweise kombinierte Preisauswirkungen physischer Gefahren auf einzelne Immobilien einbezieht. Ein detailliertes integriertes Bewertungsmodell, wie es beispielsweise von KPMG eingesetzt wird, bietet volle Kontrolle und Transparenz darüber, welche Risiken einbezogen oder ausgeschlossen werden.

 

Wohnbaufinanzierungen

Bei Wohnimmobilienkreditportfolios ist mit erheblichen physischen und Übergangsrisiken zu rechnen, die sich sowohl auf den Kreditnehmer als auch auf den Wert der Sicherheiten auswirken.

Die zur Emissionsreduzierung erforderlichen Maßnahmen werden Auswirkungen auf Kreditnehmer haben. Beispielsweise treiben Vorschriften zu Energieeffizienzstandards die Kosten für Gebäudesanierungen in die Höhe. Weiterreichende gesamtwirtschaftliche Folgen durch ungeordnete Übergangsszenarien können zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Stagnation und damit zu erhöhter Arbeitslosigkeit führen.

Die wichtigsten physischen Bedrohungen variieren je nach Region. Chronische Risiken wie Bodensenkungen und Küstenüberflutungen dürften sich in einem Klimawandel verstärken. Auch extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Waldbrände und Stürme werden voraussichtlich häufiger und heftiger auftreten.

Hauptherausforderung: Vorausschauendes physisches Risiko

Naturgefahrenereignisse lassen sich als Einkommensschocks für Kreditnehmer modellieren. Da Kreditnehmer jedoch zunehmend vorausschauender mit Naturgefahren umgehen, dürften sich diese zusätzlichen Kosten im Wert einer Immobilie widerspiegeln. Eine rein zeitnahe Betrachtung von Naturgefahren reicht daher möglicherweise nicht aus, um die Auswirkungen auf den Sicherheitenwert zu erfassen. Eine Lösung besteht darin, diese adaptiven Erwartungen in die Prognose der Auswirkungen von Naturgefahren auf den Sicherheitenwert einzubeziehen.

Hauptproblem: Fehlende Daten

Die Kosten für Gebäudesanierungen stellen einen wichtigen Aspekt des Übergangsrisikos für Hypothekeninhaber dar. Um diese Kosten effektiv zu modellieren, ist die Kenntnis des aktuellen Energieeffizienzniveaus unerlässlich. In der EU und im Vereinigten Königreich werden Energieausweise (EPC) als Maß für die Energieeffizienz verwendet, während in der Schweiz der Gebäudeenergieausweis der Kantone (GEAK) der vorherrschende Standard ist. Die Vollständigkeit der Daten zum Wohnungsbestand variiert von Land zu Land, und Datenimputationsverfahren sind in der Regel erforderlich, um einen aussagekräftigen Datensatz zu erstellen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Klimaszenarioanalyse noch eine junge Wissenschaft ist und in der Branche zu einigen wichtigen Themen noch kein Konsens erzielt wurde. Der Druck auf die Banken, die oben genannten und weitere Probleme zu lösen, wird sich jedoch mit der Verschärfung der Klimakrise weiter erhöhen.

 

Gastbeitrag von Owen Matthews, Direktor Finanzdienstleistungen, KPMG